Tränen

November 2020

November 2020

Die Tränenflüssigkeit besteht aus Wasser, verschiedenen Proteinen, Enzymen und Kochsalz. Wenn wir vor Freude oder Trauer weinen, verändert sich die chemische Zusammensetzung der Tränen. Dann bestehen die Tränen zu einem Viertel mehr aus Proteinen.

„Das Tal der Tränen“ ist eine Erzählung des russischen Schriftstellers Nikolai Leskow.

Jemandem keine Träne nachweinen.

Immer ist dem Herzen bang,
Schmerzen sind der Jugend Nahrung,
Tränen seliger Lobgesang. Johann Wolfgang von Goethe


im garten meiner großmutter

weißblau waren die lichter der lupinen
an südseitige mauer gelehnt
sanft schlug die zeit den putz vom geborgensein

großmutters hände säten den geruch von erde
und gefaltet bei jedem kirchengeläut
sagte sie: bald kommt einer und fährt
mit gedengelter sense durchs krautige krummet

dazwischen ein lächeln für meine träume
vom großwerden und sein: du tschapperl

heute wohnt hinterm zaun der rosmarin
und die großmutter ist vielleicht
eine wild wachsende nachtviole
deren duft meinen schlaf flutet

du hast so leicht in der schwere gewohnt
und manchmal weine ich, großmutter
um deiner hände warme heimat

<© Gabriele Pflug>



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November 2020

<© Fabian Lenthe>


nachtflug

vergebliche tränen
versiegen
in vergänglichkeit

verlorene lieder
verklingen
in einsamkeit

verschriebene worte
verblassen
in erinnerung

im nachtflug
auf dem weg
zu dir

<© Jörg Zschocke>


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Wir türmen, sagen die Wolken,
wir stürmen, die Ruhe hat sich
noch nicht an den Berg gelehnt,
sie verkennt das Geländer und
trennt die Ränder der Stille von
ihrem Warten ab.

Die Tränen, die das Eis schmelzen,
gehen auf Stelzen in Gletscherspalten,
die Erde kann kein Wort mehr behalten,
das Menschen schon vergessen haben.

<© Barbara Hampel>


Ein Versuch

Versuchte mein Unglück auszuatmen
bis nichts mehr zum Ausatmen da wäre
bis jede Zelle sich wieder in sich selbst zurückzöge
doch mir stockt der Atem

versuchte mein Unglück in Worte zu fassen
Worte, die so etwas wie Sinn ergeben
Sinn, den irgendwer noch verstehen könnte
doch mir versagt es die Sprache

und ich versuchte zu weinen
bis nichts mehr zu beweinen da wäre
bis jede Träne ausgeblüht
doch …

<© Sonja Crone>


zu spät zu spät

im eisigen Wind
tränen die Augen
schmerzhaft
aber ich hasse
vor allen Dingen den Tod
diese letzte Verzweiflung
die mir so lange gefolgt ist
wo soll ich hin
wenn rings um mich
niemand erinnert
und nichts will
könnte ich lieben
ja
aber ungeboren ist mein Sinn
ich warte tausend Jahre
darauf
dass der Schnee mich sieht
und das Leben
nicht gerne
bettle ich
jede Zunge könnte ich lieben
unsichtbar

hänge ich schon am Galgen

die Sonne wird so finster
mir tränen die Augen
aber
endlich leuchte ich
gerade jetzt
zu spät
werde ich gesehen

<© Harald Kappel>


.

kann dich tränen lehren,
wenn du mir deine mauern gibst
ich weiß: die welt ist hohl
denn ich haben den himmel angefasst

.
es ist verboten
die berge zu besteigen
den blick vom all auf das papier zu legen
bei todesstrafe

.
raub vogel territorium
dort fängt sich der großmeister zobel
legt sie in streifen
näht friedensfürsten und

.
zu ungarischen tänzen
dreht sich mischka
unterm halbmond
und die beute stirbt im kalk.

<© Jana Franke>


[oden | wälder
wir ruderten die themse hinauf nach maiden | head]
wörtliche rede

wir legen hörrohre
in die weit verzweigten enden der wälder
die fein verästelten adern ihrer wurzel und blattwerke
in das grüne auge mit der herbstfarbenen iris
die pulst unter der rinde
quillt
als harz aus allen schnitten
süß duftende wunden
verletzungen
waldtränen
rinnsale gerinne flüsse des todes
alles mit sich reißend
was nicht gehalten wird durch die kräfte der nacht
der poesie des mondlichts
oder neon
oder LED
[pssst
schhh]
wir legen störrohre ins labyrinth

<© Werner Weimar-Mazur>


fließen wir in eine weitere zeit

belesen, sagst du, sei ich, aber ich widerspreche und sage, beschrieben bin ich vielleicht, von dir, vom leben. du nimmst meine hand, wringst sie aus und lauter buchstaben tropfen aufs papier. siehst du, sage ich. aber deine augen sind müde. du legst bloß meine hand an deine stirn, auf dass meine gedanken in deine fließen. das sind sie doch längst, denke ich und ich liebe dich, das denke ich auch. du siehst mich an und nicht zum ersten mal fühle ich das leuchten. ich reiche dir ein taschentuch und denke, ich gebe dir zeit. du bist geblendet von ihr, die sich deine nennt und dich mit aller macht von mir fern hält. ich weiß, dass ihr das nicht gelingt. ich lese es in jedem deiner worte, die zusammen mit mir aufs papier fließen. lies. aus meinen händen, meinen augen. blind. und ich weiß, dass du weißt. und du weißt, dass ich weiß. so viel weißheit um unsere worte. und ein vages lächeln.

<© Diana Jahr>


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Als ein Geschenk

Töchter und Söhne der Erde
Beweint nicht die, die gingen

Tod und Leben, Heimat
Unter den Füßen

Es sollte genügen

<© Sabine Fenner>


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In der Traurigkeit liegt ein Ei,
aus dem nichts schlüpfen darf.
Ich brüte nur,
wenn der Holunder blüht
und hüte es vor dir.
Die Käfigtür: so blau,
dass sie den Himmel übertönt.

Abends trage ich die Tage
zum Meer,
spüle sie mit Salz und Algen.
Seit du schweigst,
klirrt es in ihrem Innern.

<© Sigune Schnabel>


Für immer

Millionen von Tränen sind nicht genug,
meine Liebe zu dir ist ohne jede Zahl.
Unzählige Stunden denk‘ ich an dich,
als wärst du noch bei mir auf Erden.
In dieser Welt gibt es keinen Tag und keinen Ort
an dem ich dich nicht vermisse.
Unsterblich bist du, sagt mein Herz.

<© Xenia Hügel>


Lamento

Wie oft, wird diese Wolke noch stürzen
ich verschwende mich wieder selbst
Der Regen kann dich nicht abwaschen
von meiner Haut und meinen Lippen

Mein Gefühl verloren und verschluckt
sag‘ nicht, es wäre nicht mehr wichtig
Ist es zu spät sich schuldig zu fühlen
oder etwas Liebliches zu verlieren

Die Tage schmecken nach Zitronen
und Träume sterben in meinem Kopf
Dabei fällt die Krone der Märtyrer tief
werde sie mir niemals mehr aufsetzen

<© I.J. Melodia>


Vorahnung

Jetzt im November
lärmt grimmig der Wind
zwischen den Ästen,
die laublos gestreckt
gegen den Himmel
sich zweigen.
Fast blind sind alle Scheiben,
von Regen bedeckt.

Schlafarme Nächte!
Mit Wehmut gefüllt,
da uns das Herbstlied
als Schmerzgesang tönt.
Schon ist von Abschied
der Atem umhüllt.
Hinter den Wolken

der Mond ächzt und stöhnt.

Schwankende Tage!
Es nistet die Zeit
unter den Flügeln
der Gänse und flieht
mit ihren Rufen.
Das Leben entzweit
langsam, will bleiben.
Doch weiß, dass es zieht.

<© Elke Kaminsky>


Du hast deine Sprache verloren?

Die Stille ist eingekehrt.
Den Glauben, den du verloren,
der war vielleicht verkehrt?
Du musst etwas warten,
nicht klagen.
Die Liebe kann niemals vergehen.
Wie kannst du so etwas sagen.
Was echt ist bleibt immer bestehen.
Du hättest dein Leben verloren,
die Tränen und auch den Traum?

Dir wird etwas Neues geboren,
füllst damit den leeren Raum.

<© Barbara M. Hauser>


Geht es Euch wirklich schon so schlecht?

Geht es Euch wirklich schon so schlecht,
Dass ihr nicht ein noch aus mehr wisst?
Geht es Euch wirklich schon so schlecht,
Dass vielleicht Morgen schon
Der letzte Tag für Euch gewesen ist?

Ihr habt ein Leben, Freunde, Essen,
Habt ein Zuhause, Familie und Brot,
Ihr lebt in Frieden, die meisten gar im Wohlstand
Selbst ohne Arbeit lässt Euer Staat Euch nicht in Not.

Hört auf zu jammern,
Wischt Eure Tränen fort,
Für Selbstmitleid und Krokodilsgeheule
Ist Eure Welt auch jetzt
Ein viel zu guter Ort.

<© Nadine Bauman>


Wunden voll Gnade

Hörst du die Träne
Wie sie fließt in der Nacht
Bahnt sich einen Weg
Durch die Wüste ins Herz
Sie möchte doch nur blühen
Wie eine Blume im Wind
Sehnt sich nach Liebe
Fragt nach dem Sinn

Flüsse werden fließen
Die Wüste wird zum Land
Voll fruchtbaren Bodens
Dem Himmel zugewandt

Ich höre den Samen
Wie er ganz leise wächst
Von Tränen getränkt
Dem Vertrauen genährt
Er wächst hin zum Licht
Lässt das Dunkel zurück
Wunden voll Gnade
Werden zum Glück

Flüsse werden fließen
Die Wüste wird zum Land
Voll fruchtbaren Bodens
Gott zugewandt

<© Julie Greiner>



Auf den Lippen

immer noch und wieder
kommen Tränen
aus dem Meer, weit
vor mir liegt es, Wellen schlagen
hoch in mich hinein und lecken
Salz aus meinen Rippen.

Um mich kriecht
ein graues All
schiebt mich ständig über
feuchte Klippen

und zu leicht bin ich geworden
wie ein Salzkorn auf den Lippen
im Vergleich
zum lauten Herz-
Schlag
dieser stummen Zeit.

Ich weine

<© Arabella Walter>